Mindfulness und die Leere des Fotografen

Minor White lebte lange vor der Digitalisierung der Fotografie und gilt, wie auch sein Freund Ansel Adams, als einer der einflussreichsten Schwarz/Weiss Fotografen in der Mitte des letzten Jahrhunderts. Von ihm stammt dieses Zitat:

The state of mind of a photographer while creating is a blank…

 For those who would equate „blank“ with a kind of static emptiness, I must explain that this is a special kind of blank.  It is a very active state of mind really, a very receptive state of mind, ready at an instant to grasp an image, yet with no image pre-formed in it at any time. We should note that the lack of a pre-formed pattern or preconceived idea of how anything ought to look is essential to this blank condition. Such a state of mind is not unlike a sheet of film itself – seemingly inert, yet so sensitive that a fraction of a second’s exposure conceives a life in it. (Not just life, but „a“ life).

Ich versuche mich hier an einer Übersetzung:

Beim Fotografieren befindet sich der Fotograf in einem offenen, leeren Gemütszustand… 

Denjenigen, die dieses „offenen, leer“ mit einer Art von rigider Inhaltslosigkeit gleichsetzen, muss ich erklären dass dies eine spezielle Art von „Offenheit und Leere“ ist. Es ist geradezu ein sehr aktiver Gemütszustand, ein sehr offener und empfänglicher Gemütszustand, sofort bereit ein Foto zu schiessen aber ohne dass dieses Foto dabei irgendwie vorgeformt oder vorherbestimmt wäre. Wir sollten beachten, dass das Fehlen eines vorgeformten Musters oder einer vorher bestimmten Idee wie etwas auszusehen habe, essentiell ist für diesen Zustand der Leere. Solch ein Gemütszustand ist einem Stück Film nicht unähnlich, scheinbar konstant inaktiv aber doch so empfindlich, dass durch die Belichtung in einem Bruchteil einer Sekunde ein Leben darin erfasst wird. (Nicht nur Leben, sondern „ein“ Leben)

Minor White und Mindfulness

Als ich das Zitat das erste Mal gelesen habe dachte ich „der meint einen achtsamen Gemütszustand…“. Meine weiteren Recherchen ergaben, dass sich Minor White unter anderem auch für Zen-Philosophie interessierte die, wie auch Mindfulness, buddhistische Wurzeln hat.

Die drei wesentlichen Bausteine von Mindfulness sind:

und diese drei Bausteine finden sich auch in Minor Whites Zitat wieder.

Absichtsvoll – Aktiv

Häufig wird die Achtsamkeitspraxis auch in Verbindung gebracht mit dem „Ausschalten des Autopilots“. Damit ist gemeint, dass man sich nicht passiv von seinen eigenen Launen lenken lassen sollte sondern aktiv bewusst absichtsvoll durch’s Leben gehen soll. Auch Minor White beschreibt seinen Gemütszustand als aktiv, offen, nicht rigide inhaltslos.

Hier und Jetzt – Sofort bereit

Man kann nur dann sofort bereit sein ein Foto zu schiessen wenn die eigenen Gedanken jetzt hier sind und nicht träumerisch abschweifen. Ein Foto kann man nur Hier und Jetzt machen.

Nicht werten – Nicht vorgeformt

Der Versuch nicht zu werten ist meiner Meinung nach der schwierigste Part an der Achtsamkeit, aber auch der wichtigste! Auch Minor White betont insbesondere diesen Teil des leeren Gemütszustand. Ohne vorherbestimmte Idee, ohne Vorurteil und ohne vorgeformtes Muster, ohne vorschnelle Meinung kann ich das Subjekt so ablichten wie es wirklich ist. Wirklich kann man hier sogar im doppelten Sinne verstehen:

  • wie es ohne meine Einwirkung ist
  • wie es am besten wirkt

Oder doch werten?

Wie soll man denn ohne zu werten herausfinden, welches Foto man der Freundin zeigen soll und welches man besser gleich von der Speicherkarte löscht?

Es geht nicht darum auf die Wertung komplett zu verzichten, wichtig ist nur, dass sie dem Motiv erstmal kein Muster, keine Idee überstülpt. Dazu muss man den Prozess der Wertung vom Prozess des Fotografierens trennen. Der Gewohnheit widerstehen sofort und unmittelbar wissen zu müssen „ob es gut geworden ist“. Dann kann man erst dem Motiv gerecht werden und dann eine Einordnung in das eigene oder ein fremdes (Wettbewerb etc.) Wertungssystem machen.

Fotografieren als Gemütszustand

Interessanterweise findet man viele Zitate zum Thema „Fotografieren als Gemütszustand“, z.B. von Michael Dubiner:
Being a photographer is as much a state of mind.
(Ein Fotograf zu sein ist genauso auch ein Gemütszustand.)

Die Fotografie kann sich so von einer reinen Tätigkeit hin zu einem Hobby entwickeln und wird manchmal sogar zu einer Lebenseinstellung mit Einfluss auf das Gemüt.



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